Tjark Melchert im Interview mit Link-s.Gelenkt.

tjarkTjark Melchert

Stellv. Vorsitzender des LandesSchülerRates Niedersachsen

 

Vita:

-Bis 2013 Otto-Hahn Gymnasium Gifhorn, anschließend berufliches Gymnasium

– Seit 2009 schulpolitisch aktiv

– Von 2011 bis 2013 Vorsitzender Stadtschülerrat Gifhorn

– Seit 2013 Vorsitzender Kreisschülerrat Gifhorn

– Seit 2014 stellvertretender Vorsitzender des LandesSchülerRates Niedersachsen

Tjark – zunächst möchten wir dir danken, dass du dir die Zeit nimmst, um Links.Gelenkt. ein paar Fragen zu beantworten.

 

Ole: Der Fokus in unserem Interview liegt auf der aktuellen beziehungsweise zurückliegenden Bewegung des Schulstreiks in Niedersachsen. Kannst du uns kurz nochmal schildern, worum es dabei ging und wieso hier ein Streitpotenzial besteht?

Tjark Melchert: Gerne! Ich möchte damit anfangen, dass die rot-grüne Landesregierung 2013 die sogenannte „Zukunftsoffensive Bildung“ auf den Weg gebracht hat.

Neben großen Investitionen in den Ausbau des Ganztags und der Inklusion, sollte Geld eingespart werden, durch eine Stunde Mehrarbeit für Gymnasiallehrkräfte und das Aussetzen der Altersermäßigung.

Aus Protest wurden dann Klassenfahrten an ¾ aller niedersächsischen Gymnasien „boykottiert“, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Ich persönlich kann die Gymnasiallehrkräfte gut verstehen, dass sie sich wehren wollen und auch, dass sie sich spürbar und öffentlich wehren wollen, aber einen Boykott von Klassenfahrten kann man bzw. ich als Schülervertreter nicht hinnehmen.

Aus diesem Grund sind wir am 14. Januar mit vielen Tausend Schülerinnen und Schülern in Hannover auf die Straßen gegangen und haben an die Politik und Lehrkräfte appelliert, endlich eine Lösung in diesem Konflikt zu finden und nicht weiter Schüler leiden zu lassen.

 

Ole: Du stehst im Mittelpunkt der niedersächsischen SchülerInnenbewegung ,,Pro Klassenfahrt“. Doch war sich der Landesschülerrat in der Frage, wie auf den Protest der GymnasiallehrerInnen, zu reagieren sei, immer einig? Wo gab es oder gibt es Streitpunkte?

Tjark Melchert: Ja, ich habe für diese Position immer eine große Mehrheit gesehen und denke auch, dass es clever war, diesen Weg zu gehen. Aber natürlich gab es auch immer Unstimmigkeiten, wie kritisch man nun wirklich gegenüber der Regierung oder den Lehrerverbänden auftreten möchte.

 

Ole: Wie haben sich die verschiedenen politischen Gruppierungen und Parteien diesbezüglich positioniert? Wie war besonders das Engagement der Jugendverbände?

Tjark Melchert: Die Jugendverbände, auch die Linksjugend, haben die Aktion mit der Großdemonstration in diesem Rahmen erst ermöglicht! Alle politischen Richtungen sind mitgezogen und das war auch symbolisch sehr wichtig, um glaubwürdig an alle appellieren zu können, endlich einen Kompromiss zu finden. Für dieses große Engagement bin ich wirklich dankbar!

 

Ole: War es im Nachhinein nicht die falsche Strategie, auf Neutralität zu setzen und eben nicht klar Position zu beziehen, die Lehrerschaft zu unterstützen? Hätte ein gemeinsamer Protest der LehrerInnen und SchülerInnen nicht ein größeres Erfolgspotenzial gehabt?

Tjark Melchert: Ich fand unsere Strategie die Beste und bin auch fest davon überzeugt, dass es die beste war. So kamen wir in eine vermittelnde Rolle und haben uns Gespräche mit beiden Seiten offen halten können. Alles andere hätte die Fronten wohl eher noch weiter verhärtet. Außerdem sehe ich keinen Grund, nach einem Fahrtenboykott, der eindeutig darauf abzieht, Schüler leiden zu lassen, Lehrkräfte bei ihrem Protest zu unterstützen.

 

Ole: Vor kurzem hat das Verwaltungsgericht die Stunde Mehrarbeitszeit für die GymnasiallehrerInnen in Niedersachsen gekippt. Was hat sich daraus für den Klassenfahrtenboykott der LehrerInnen ergeben oder was erwartest du?

Tjark Melchert: Ich bin froh über dieses Urteil. Nicht, weil die Lehrkräfte jetzt wieder weniger arbeiten müssen, sondern einfach weil es jetzt Klarheit gibt und wir bezüglich des Fahrtenboykotts Licht am Ende des Tunnels sehen. Nun steht ja auch fest, dass keine rechtlichen Schritte mehr gegen das Urteil kommen werden seitens der Regierung. Allgemein denke ich, dass wir einen gerechteren und schulformübergreifenden Schlüssel brauchen, der festlegt, wie viele Stunden eine Lehrkraft mit den entsprechenden Fächern in den entsprechenden Jahrgangsstufen zu unterrichten hat.

 

Ole: Der vom Landesschülerrat ins Leben gerufene Protest hat deutlich gezeigt, dass eine große Mobilisierung von SchülerInnen möglich ist. Kann daran nicht insbesondere in Niedersachsen angeknüpft werden, um zum Beispiel den Leistungsdruck und die Entdemokratisierung in der Schullandschaft zu kritisieren? Wünschst du dir einen groß angelegten Schulstreik gegen die klaffenden Missstände im Bildungssystem?

Tjark Melchert: Ich würde mir allgemein mehr Aktionismus wünschen, aber wenn wir ehrlich sind, ist es schwer mit solchen Theman so viele Menschen zu begeistern, einfach weil nur wenige unser System hinterfragen und es viele leider kaum interessiert, wie viel Mitbestimmungsmöglichkeiten sie haben oder wie krass immer noch der Bildungserfolg der Kinder vom sozialen Stand der Eltern abhängt.

 

Dieses Desinteresse an Politik in meiner Generation kotzt mich an und ich versuche schon, dem entgegenzuwirken. Wir als Landesschülerrat bringen uns schon in Bündnissen ein, die genau solche Forderungen haben, beispielsweise „Lernfabrik meutern“. Ich denke, um mehr Menschen politisch begeistern zu können, brauchen wir eben genau diese Verantwortung Dinge mit Mandaten mitgestalten zu können. In der Schule ist es nun mal so, dass im höchsten Gremium, dem Schulvorstand, die Lehrkräfte mit dem Schulleiter eine absolute Mehrheit haben. Ich finde es Traurig, dass schon in Schulen so etwas als Demokratie vorgelebt wird. Da ist es kein Wunder, wenn man nichts erreichen kann und nur die Opposition einer Scheindemokratie sein kann, sich nicht motivieren kann, am Ball zu bleiben. Wir brauchen endlich eine echte Demokratisierung des Bildungssystems mit Drittelparitäten in Schulvorständen, aber da traut sich unsere Ministerin anscheinend nicht ran.

 

Ole: Bei uns hat eine Frage Tradition: Was würdest du machen, wenn du Bundeskanzler wärest?

Tjark Melchert: Ich denke, die Frage müsste eher sein, was ich verändern würde, wenn ich denn könnte. Ich würde endlich ein Bildungssystem reformieren und ein Bildungssystem deutschlandweit einführen, dass inklusiv ist und in dem es um Individualität, Spaß und Gemeinschaft geht und nicht nur Pauken für das System. Weil ich da mal hin möchte, bringe ich mich politisch ein und hoffe, etwas dazu beizutragen, Bildung wirklich voranzubringen.

 

Ole: Wir danken dir für dein Interview!

Tjark: Ich bedanke mich!

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