Vom Flüchtling zur SPD-Politikerin: Maja Lasic über Flucht, Integration und Kuchen essen.

„Vom Flüchtling zur Abgeordnetenhauskandidatin – was nach einer linearen Erfolgsgeschichte aussieht, beinhaltet auch bei mir, wie bei vielen anderen Einwanderern, lange Phasen des Suchens. Im Wedding habe ich die Heimat meines Herzens gefunden – und werde dafür kämpfen, dass auch in Zukunft ein „Wedding für Alle“ Wirklichkeit bleibt.“,

schreibt Maja Lasic, die seit kurzem im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt (direkt gewählt!)

Wir haben mit Ihr über die Themen Flucht und Integration gesprochen. Und über ihr ganz eigenes Angebot namens #KuchenmitMaja.

 

Du bist 1993 aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland geflüchtet. In dieser Zeit waren hier die Republikaner mittels fremdenfeindlicher Hetze im Aufwind.Hast Du damals wahrgenommen wie die Stimmung in der Gesellschaft war bzw. hast Du selbst Erfahrungen mit rassistischer Ausgrenzung oder allgemeiner Flüchtlingsfeindlichkeit gemacht?

Maja Lasic: Ich war damals 14 und hatte andere Sorgen als mich um die Außenwahrnehmung zu kümmern. In meiner Heimat wütete immer noch der Krieg, ich musste die Sprache lernen und in der Schule klar kommen und irgendwo dazwischen so etwas wie eine normale Jugend haben. Sicher sind mir im Alltag Unverständnis begegnet und Vorurteile und auch Diskriminierung bei Behörden, aber wie die meisten Flüchtlinge kam ich aus einem Land, das durch Xenophobie geprägt war. Dass ich dem Phänomen in Deutschland wiederbegegnet bin, hat mich nicht überrascht.

Man entwickelt halt Schutzmechanismen, z.B.Rückzugsräume unter Menschen, wo man sich nicht dauerhaft erklären muss. Ich habe die ersten fünf Jahre in Deutschland ausserhalb der Schule ausschliesslich unter Geflüchteten verbracht.

Und man macht weiter, trotz Anfeindungen. Was soll man auch sonst tun?

Welchen Rat würdest Du den Geflüchteten mit auf den Weg geben, um sich schnell in Deutschland zurechtzufinden?

Maja Lasic: Sprache lernen – sofort.

Mut haben die Schutzräume unter Gleichgesinnten zu verlassen.

Akzeptieren, dass man den gesellschaftlichen Status aus der Hemat nicht wiedererlangen wird – auch wenn es weh tut. Und dann das Beste aus der Situation machen.

Und glaubst Du, dass das Erreichen eines deutschen Abschlusses wichtig für die Integration der Geflüchteten ist?

Maja Lasic: Wenn man unter dem Begriff Integration eine möglichst selbstbestimmte Teilhabe am (Arbeits-)Leben versteht, dann ist Sprache sicher ein wichtiges Instrument und ein deutscher Abschluss eine große Erleichterung.

Ich finde es aber schwierig, wenn einer dieser Faktoren zum K.O.-Kriterium definiert wird, nach dem Motto, wer die Sprache nicht hinreichend beherrscht, hat sich nicht integriert. Ich kenne unzählige Familien, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben, mit geringen Sprachkenntnissen und einem niedrigen Abschluss, die aber durch Fleiss und Hingabe ihre Kinder auf einen guten Weg gebracht haben und ihnen den Weg zur gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft geebnet haben. Sie als „nicht-integriert“ abzustempeln, wäre nicht fair und würde zu kurz greifen. Sie haben so wie wir alle Deutschland der vergangenen Jahrzehnte mitgeprägt.

Was könnte deiner Meinung nach die Gesellschaft tun, um den Geflüchteten den Start in Deutschland zu erleichtern?

Maja Lasic: Ich spreche ja meist darüber, was Politik besser machen muss: Segregation vermeiden, Spracherwerb vom ersten Tag an, Anerkennung der Abschlüsse erleichtern…. Klar bleibt hier eine Menge zu tun. Da ist aber auch eine Menge passiert in den letzten 20 Jahren. Die Selbstverständlichkeit mit der man in den 90er Jahren die Menschen jahrelang geduldet hat, ohne ihnen eine Möglichkeit zur Teilhabe anzubieten, ist nicht mehr da. Das politische Credo „Integration vom ersten Tag“ an wird sich auszahlen.

Gesellschaft ist aber mehr als nur Politik. Das sind wir alle. Da müssen selbstverständlich alldiejenigen hervorgehoben werden, die sich ehrenamtlich für Geflüchtete engagieren. Das sind aber natürlich nicht alle und das ist auch OK. Was ich von uns allen erwarte ist sich unser Grundgesetz zum Herzen zu nehmen und zu akzeptieren, dass weite Teile des Grundgesetztes für alle in Deutschland lebenden Menschen gelten, nicht nur für deutsche Bürgerinnen und Bürger. Wenn wir das so in die Praxis umsetzen könnten, wäre ich ganz schön zufrieden.

Auf deiner Webseite machst Du das Angebot, dass Du mit einem Kuchen zu Bürger_Innen nach Hause kommst, um über die Berliner Politik und über Vorstellungen und Ideen für den Wedding zu reden.

Wie wird dieses Angebot aufgenommen und hast Du damit schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht?

Maja Lasic: Ich habe im vergangenen halben Jahr ca 30 Einladungen von Privatpersonen gehabt. Da ist das ganze Spektrum dabei, von Studenten-WGs über eine türkische Familie ohne Deutschkenntnisse bis zum älteren Herren, der endlich jemanden zum Schnacken haben will. Es waren durchweg positive Erfahrungen, die mir die Möglichkeit gaben, meine Wähler und Wählerinnen anders kennenzulernen und mehr über die tatsächlichen Sorgen im Kiez zu erfahren. Ich möchte das Format #kuchenmitmaja nicht missen und hoffe auch in Zukunft auf viele Einladungen!

Und zuletzt – das ist gänige Tradition bei uns, vervollständige bitte den folgenden Satz:Wenn ich Bundeskanzlerin wäre,  würde ich […].“

Maja Lasic: …mich für Navid Kermani als Bundespräsidenten einsetzen“

Die Fragen stellte: Xandra Heid

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