Marion Morassi über den Zustand der RLP-Linken: „Der LV ist für seine Strippenziehereien bekannt.“

marion-morassi-profilfotoMarion Morassi (53) kandidierte am 18. September 2016 auf der Vertreter_Innenversammlung der rheinland-pfälzischen LINKEN für Platz 1 der Landesliste zur Bundestagswahl 2017.

Sie unterlag letztendlich deutlich gegen den Landesvorsitzenden Alexander Ulrich.

Doch im rheinland-pfälzischen Parteigebälg knirscht es hörbar. Schlagzeilen über autoritären Führungsstil, Gerichtsverhandlungen zwischen Mitgliedern bestimmen das öffentliche Bild.
Innerhalb der Partei gilt man heimlich als der unbeliebteste Landesverband.
Warum ist all das so? Stimmen die Vorurteile? Wir haben mit Marion Morassi gesprochen.

 

Bei den Landtagswahlen im März 2016 hoffte man bis zuletzt auf einen Einzug ins Parlament. Letztlich scheiterte man mit nur 2,8% doch ziemlich klar. Kannst Du uns skizzieren, welche Faktoren ein besseres Abschneiden verhindert haben?

Marion Morassi: Der Wahlkampf kam nicht überall in allen Kreisverbänden an. Dort, wo es DirektkandidatInnen gab, hatten diese oft mehr Stimmen als die Landesliste. Die Veranstaltungen mit den ListenkandidatInnen und den „Promis“ wurden oft nur in den größeren Städten durchgeführt. Natürlich spielte auch die AfD eine große Rolle. Da hätte man viel mehr auf konkrete linke Positionen setzen sollen.

Welche Konsequenzen wurden aus dem erneuten deutlichen Scheitern gezogen? Wie will sich der Landesverband künftig aufstellen?

Marion Morassi: Es wurden bisher keine Konsequenzen gezogen. Die Devise heißt: weiter wie bisher. Niemand aus dem LAVO ist zurückgetreten oder hat die Verantwortung für das Debakel übernommen.

Lediglich Alexander Ulrich hat verkündet, er kandidiert nur noch für den Bundestag. Er tritt wohl nicht mehr für die Position des Landesvorsitzenden an.

Bei Katrin Werner, der Vorsitzenden, sieht das wieder anders aus. Sie hat sich anscheinend nichts vorzuwerfen, hält sich für unersetzbar und tritt erneut für die Position der Landesvorsitzenden an. Auch Brigitte Freihold und Jörg Lohbach kandidieren wieder für den Geschäftsführenden Vorstand, ebenso wie der Schatzmeister Sebastian Knopf, der allerdings auch einen wirklich guten Job macht, wenngleich auch viele Einsparungen durch ihn vorgenommen wurden.

So wurde z.B. der komplette Frauen-Etat ersatzlos gestrichen, den es bis zu seiner ersten Wahl immer gab.

Das ist mit ein Grund (neben persönlichen), warum die Frauenstruktur im Land quasi inexistent ist. Wie der Landesverband sich künftig aufstellen wird, hängt wohl mit der Wahl des neuen Vorstandes zusammen. Bleibt der so wie bisher, dann sehe ich auch für die BTW 2017 eher schwarz.

Spricht man mit Mitgliedern der Linkspartei, merkt man schnell, dass der Landesverband Rheinland-Pfalz zu den eher unbeliebteren Verbänden gehört. Wie kommt das?

Marion Morassi: Es gibt mehre Gruppierungen um die beiden MdBs und die sogenannte Opposition. Durch Einstellung von diversen Minijobbern haben sich die beiden auch unter den Delegierten und in diversen Kreisverbänden ihre Netzwerke gezogen. Das frustriert natürlich die anderen Kreisverbände, die keine Chance sehen „ihre“ Kandidaten durch zu bekommen. Der Landesverband ist für seine „Strippenzieherei“ bekannt und dadurch unbeliebt. Da geht man auch mal über linke Ziele hinweg und unterstützt Personen, die im Nachhinein als „rechts“ einzustufen sind, nur um sich seine Pfründe zu sichern (Beispiel Patrick Hoffman, ehemals Vorsitzender des KV Kusel, jetzt bei der AfD).

Oft wird ein raues Klima des persönlichen Umgangs miteinander beklagt. Kannst Du das bestätigen?

Marion Morassi: Es gab vor meiner Zeit wohl unter einigen der Akteure auch handfeste Auseinandersetzungen. Das ging so weit, dass bei einem Parteitag Security vor der Tür stehen musste. Aber auch die vielen kleinen Gemeinheiten sind bezeichnend. Viele junge AktivistInnen werden „verheizt“ ohne Chance auf eine interessante Position, viele aktive Frauen wurden gemobbt, bis hin zu Parteiausschlussverfahren, gestützt durch den LAVO. Zum Glück ohne Erfolg. Der Landesverband erscheint als extrem frauenfeindlich, obwohl die Quote natürlich notgedrungen eingehalten wird, am liebsten besetzt mit unkritischen Frauen, die nicht an der „Macht“ der beiden Vorsitzenden kratzen. Geschieht dies doch, werden sie schnell „weggebissen“, siehe Kathrin Senger-Schäfer oder Kathrin Mess. Von mir will ich da gar nicht erst sprechen. Ich kämpfe schon seit Jahren mehr oder weniger erfolglos darum, diese Machtstrukturen zu zerschlagen.

Wenn es der Landesverband in die Printmedien schafft, dann geht es oftmals um Intrigen, Ungereimtheiten oder gerichtliche Prozesse zwischen Mitgliedern. Was ist da los?

Marion Morassi: Die Landesschiedskommission ist zum großen Teil mit Personen besetzt, die sich dem LAVO verpflichte fühlen, also alles andere als unabhängig agieren. Dadurch haben Kreisverbände, die berechtigte Kritik am Vorgehen des LAVO haben, z.B. bei der Berechnung der Delegierten, kaum eine andere Wahl, als vor Zivilgerichten ihr Recht zu suchen. Ich selbst finde das sehr bedauerlich und versuchen meine Differenzen möglichst parteiintern zu klären. Aber bei Rufmord oder bewussten Falschaussagen gegen meine Person gebe ich natürlich auch Vertretern der Medien ein Interview, wenn man dies anfragt. Aktiv nach Außen gehen, würde ich allerdings nicht. Der politische Gegner freut sich und sitzt ja außerhalb der Partei.

Welche Rolle spielt der aktuelle Landesvorsitzende Alexander Ulrich? Ihm unterstellt man einen autoritären Führungsstil?

Marion Morassi: Dem ist nicht hinzuzufügen: machthungrig, autoritär, kann schlecht von seinen Positionen loslassen.

Dadurch wurde versäumt, eine neue, junge Führungsriege aufzubauen und auch einen neuen Führungsstil zuzulassen. Wobei ich von Führung auch weg möchte, mir wäre ein gleichberechtigter Vorstand, ohne Sonderrechte der beiden Vorsitzenden lieber. So wird das ja auch schon in einigen Kreisverbänden praktiziert.

Du hast vor wenigen Wochen bist Du bei der Listenaufstellung gegen eben jenen Alexander Ulrich kandidiert, bist jedoch unterlegen. Der SWR zitierte Dich bezogen auf Ulrich mit den Worten „Wir fühlen uns abgehängt.“ Inwiefern fühlst Du und andere Mitstreiter_Innen sich abgehängt?

Marion Morassi: Durch den neuen Delegiertenschlüssel und die „Strippenziehereien“ sehen die meisten kleinen, mitgliederschwachen Kreisverbände keine Chance, ihre Forderungen oder Kandidaturen durchzubringen. Anträge, die dem LAVO nicht passen, werden oft nicht einmal zur Abstimmung gebracht, sondern schon vorher blockiert oder abgelehnt.

Die Basis soll Wahlkämpfe führen für Personen, hinter denen sie nicht steht. Ganze Regionen sind dadurch quasi inaktiv geworden oder entsenden sogar oft nicht einmal mehr Delegierte zu den Landesparteitagen oder zum Landesausschuss, da man bei diesen Veranstaltungen immer überstimmt wird, egal wie gut ein Antrag auch sein mag. Das frustriert natürlich!

Und zuletzt – das ist gängige Tradition bei uns – vervollständige bitte den folgenden Satz: „Wenn ich Bundeskanzlerin wäre, würde ich […].“

Marion Morassi: … sofort alle Auslandseinsätze der Bundeswehr beenden und Cannabis legalisieren.

 

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